ALLEMAND

FITNESS: TRÄGE DEUTSCHE SCHÜLER

 

Für jemanden, dessen Schulzeit schon Jahre zurückliegt, wirkt die Grundschule in der Nähe von Stuttgart ungefähr so gewöhnlich wie Harry Potters Internat Hogwarts. Der Mathematikunterricht zum Beispiel: Da drehen sich Kinder mit einem Seil am Fuß in großen Kreisen um einen Mittelpunkt. So versteht jeder spielerisch, was Durchmesser und Radius eigentlich bedeuten. Im Klassenzimmer können übrigens die Kleinen beim Lernen auf einem Teppich liegen, auf einem großen Sitzball hüpfen oder im Stehen arbeiten. Sportunterricht gibt es täglich. Und in der Pause hängen die einen an Kletterwänden oder Bäumen, andere wirbeln Hula-Hoop-Reifen oder spielen Fußball — mit Regeln, die kein Lehrer durchschaut. Streit gibt es trotzdem so gut wie nie.

Diese Grundschule dient vielen als Vorbild. Kollegen holen sich Anregungen. Eltern aus anderen Regionen wollen ihre Kinder hier einschulen. Sportmediziner sehen in der Dorfschule mit dem Schwerpunkt Bewegung ein Ideal verwirklicht, das nach Lehrmeinung längst an allen pädagogischen Einrichtungen die Regel sein sollte. Doch in den meisten Bundesländern sind nur drei Sportstunden pro Woche vorgeschrieben — und oft werden sie nicht einmal abgehalten. Tatsächlich registrieren Experten, wie die Kinder immer schlapper werden. Ihr Verhalten hat sich in den letzten zehn Jahren extrem verändert. Die Bewegungswelt ist zur Sitzwelt geworden. Nur eine Stunde täglich sind Kinder heute aktiv, davon höchstens 30 Minuten intensiv. Die restliche Zeit beanspruchen sie ihre Muskeln so gut wie gar nicht.

Ein Sportwissenschaftler verglich die Fitnessdaten von zehnjährigen Jungen und Mädchen aus dem Jahr 1978 mit 1400 Grundschulkindern von heute: innerhalb von 20 Jahren hat sich die motorische Leistungsfähigkeit um 20% verringert. Mediziner und Sportwissenschaftler nehmen die Signale ernst — und sehen eine Generation von Faulpelzen aufwachsen. Sie befürchten einen Verfall der Körperkultur. Ihrer Ansicht nach steuern wir auf eine Katastrophe zu, deren Folgen wir noch gar nicht absehen können. Sollte sich nichts Entscheidendes verändern, so rechnen sie mit einer Vielzahl von „Frührentnern“.

Der Grund für den starren Lebensstil liegt vor allem außerhalb der Schule: Statt „Räuber und Gendarm“ oder „Indianer“ bei Wind und Wetter spielen Kinder heute mit Gameboy oder Xbox gegen virtuelle Gegner im kuscheligen Kinderzimmer — die Chipstüte in Griffweite vom Joystick. Vor 100 Jahren kannten Kinder noch 100 Bewegungsspiele, heute sind es etwa fünf. Der Effekt des Fernsehens scheint besonders dramatisch: Unter Kindern aus Mexico City sank das Risiko für Ubergewicht um zehn Prozent pro Stunde körperlicher Bewegung. Aber es stieg um zwölf Prozent je Stunde Fernsehen pro Tag. Zu ähnlichem Ergebnis kam eine Studie der Deutschen Sporthochschule an zwölf Grundschulen im Raum Köln. Kinder mit dem geringsten TV-Konsum zeigten die besten Ergebnisse in der Körperkoordination.

Gerade in Kindheit und Jugend ist Bewegung unverzichtbar Hier wird schon das gesamte Leben vorbereitet — physisch und psychisch. Dabei muss es nicht das Intensivtraining für den künftigen Olympiasieger sein: Herumtollen, auf Bäume kraxeln, Fußballspielen, Kästchenhüpfen — all das wirkt schon positiv auf Körper, Immunsystem und Gehirn. „Früher habe ich zu meinen Kindern gesagt: Mensch, sitzt doch mal still. Heute denke ich: Lass die Kleinen nur hopsen, das unterstützt die Bildung der Synapsen im Gehirn“, erzählt ein Forscher.

Nach: Focus, 21. Dezember 2002

Gescannt durch Eric In, Spéciale M1, Berthelot